„Wert ist politisch” – Interview mit Emma Holten

Foto – Autorin – Emma Holten – Credits Claudia Vega

Emma Holten ist seit 2023 Regierungsberaterin für die Untersuchung der Machtverhältnisse in Dänemark. Sie bietet Kurse u.a. zu feministischer Ökonomie, Sexismus, Diversität und sexualisierter Gewalt an. 2024 erschien ihr Buch „Unter Wert: Warum Care-Arbeit seit Jahrhunderten nicht zählt”. Im Interview spricht sie über die Abwertung von Fürsorgearbeit und darüber, was es braucht, um das zu ändern.

Foto: Claudia Vega

Was hat die Abwertung von Fürsorgearbeit mit der Epoche der Aufklärung zu tun?
Etwas ganz Zentrales passiert in der Aufklärung: Die Erfindung des „Individuums“. Dieser gewaltige Umbruch in der Menschheitsgeschichte ermöglicht für individuelle Rechte und Freiheiten zu argumentieren. Gleichzeitig wird das Individuum zur Hauptfigur in Politik und Philosophie. Ab dann wird es viel schwieriger, darüber nachzudenken, wie Menschen miteinander verbunden sind. Denn die Idee ist, dass die Unabhängigkeit und bezahlte Arbeit eines jeden Menschen das sind, was die Gesellschaft voranbringt.

Was schafft eigentlich Wert?
Für mich gibt es kein objektives Maß für Wert. Die „Ursünde“ der Ökonomie, die ich kritisiere, ist die Idee, dass man Wert in Zahlen messen kann. Wert ist politisch. Was wir wertschätzen, hängt davon ab, was für eine Gesellschaft wir wollen. Wer gesunde Menschen will, schätzt Pflegekräfte. Wer jedes Jahr ein neues Auto will, schätzt Produktion und Konsum. Beides sind meiner Meinung nach politische Haltungen. Das Problem ist, dass es heute als politisch gilt, Pflegekräfte zu wollen – aber als unpolitisch, neue Autos zu wollen. Das halte ich für einen großen Fehler.

Warum bleibt Sorgearbeit und damit die Arbeit von Frauen unsichtbar?
Die Zeit, die in Sorgearbeit investiert wird, hat ökonomisch betrachtet keinen Wert, es gibt keine Sprache dafür im ökonomischen Rahmen. Viele Ökonom:innen sind über die sogenannte „Geburtenkrise“ besorgt. Ich verstehe nicht, warum sie überrascht sind. Sie haben eine Welt geschaffen, in der Frauen durch Kinder arm werden, im Beruf diskriminiert werden und die Betreuung ihrer Kinder immer schlechter wird.

Was muss passieren, damit wir öffentliche Dienstleistungen als Investitionen begreifen?
Wenn wir alle Menschen als verbunden sehen mit den Leistungen, die ihnen im Leben zuteilgeworden sind, dann wird auch die Bedeutung dieser Leistungen sichtbar. Fürsorgearbeit ist die Voraussetzung für jede andere Arbeit. Kluge, gesunde, dynamische und produktive Bürger:innen fallen nicht vom Himmel. Sie werden ihr ganzes Leben lang gepflegt, betreut und ausgebildet – durch Fachleute, Freund:innen und Familie. Wenn wir dafür das Bewusstsein nicht schärfen,  beginnen Menschen, körperlich und seelisch zu zerbrechen. 

Wie kann feministische Ökonomie die Welt verändern?
Indem sie die Frage stellt: Was ist ein gutes Leben? Diese Frage wurde durch Bürokratie und Zahlen verdrängt, aber sie ist die zentralste aller politischen Fragen. Fürsorge als wertvoll zu begreifen, ist der erste Schritt, um mehr davon in die Welt zu bringen.

Ihr wollt mehr von Emma Holten hören? Schaltet in unseren Podcast für das ausführliche Interview.

Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.

 

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