Ole Liebl, geboren 1992 in einem Dorf in Rheinland-Pfalz, studierte Philosophie und Informatik. Auf seinen Kanälen auf TikTok und Instagram klärt er aus wissenschaftlicher Perspektive über verschiedene Themen rund um Sexualität, Geschlecht und Beziehungen auf. Für uns analysiert er das Stereotyp der weiblichen Emotionalität, starre Vorstellungen von male und female leadership – und wie diese aufgebrochen werden können.
Bitte lächeln! Auf den Teamfotos der meisten Unternehmen lächeln die Angestellten wie Honigkuchenpferde. Dabei fühlen sich nur wenige Menschen wohl, von einer Kamera beobachtet zu werden. Aber es muss eben sein: Auf Anweisung der Geschäftsführung werden Zähne gezeigt. Ein Mitte vierzig Jahre alter Fotograf hampelt hinter seiner Technik herum und bemüht sich mit albernen Sprüchen, der oder dem Fotografierten ein wenig Natürlichkeit zu entlocken. Vor der Kamera sind wir alle gleich – gleich genervt, gleich gelöst, gleich verkrampft. Aber die Bilder werden nicht nur von Kameralinsen erfasst, sondern auch von Menschen gesehen.
Und hier zeigen sich Unterschiede, wie das Lächeln von Frauen und Männern wahrgenommen wird.
Wenn Männer lächeln, werden sie im Job als weniger effektiv wahrgenommen. Und Frauen, die nicht lächeln, als emotional negativ.[1] Warum? Weil Frauen durchweg als das emotionalere Geschlecht gelten, wohingegen Männer keine oder zumindest weniger Gefühle zu zeigen haben.[2] Es ist das wohl mächtigste Stereotyp, das in unserer Gesellschaft über den Unterschied von Frau und Mann geglaubt wird. In der Forschung ist man sich hingegen recht einig, dass das emotionale Innenleben bei beiden Geschlechtern ähnlich stark ausgeprägt ist [3], obwohl Frauen ihre Gefühle stärker zeigen, also öffentlich ausdrücken [4]. In der Praxis lassen wir uns aber leider stärker von Stereotypen als von wissenschaftlicher Erkenntnis leiten: Werden Frauen mit dem Glauben konfrontiert, dass sie emotionaler sind als Männer, dann reagieren sie im Folgenden auch emotionaler [5].
Das Stereotyp der weiblichen Emotionalität ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
Je öfter man es gesagt bekommt, desto wahrer wird’s. Und Frauen wird von klein auf beigebracht, emotionaler zu sein. Die Folge: Sie nehmen ihre Gefühle entsprechend stärker wahr und drücken sie auch stärker aus. Doch selbst wenn Frauen und Männer ihre Emotionen exakt gleich stark zeigen, werden Frauen für emotionaler gehalten. In einer Studie wurden den Befragten zwei Bilder vorgelegt, auf denen eine Frau und ein Mann das Gesicht schlecht gelaunt verzogen. Beiden Porträts wurde eine Situation zugeordnet [6]. Zum Beispiel: „Wurde vom Chef angebrüllt.“ oder „Wurde im Aufzug angerempelt.“, usw. Dann wurde gefragt: „Ist die Person schlecht drauf, weil die Situation sie wütend macht, weil sie gerade allgemein einen schlechten Tag hat? Oder weil sie einfach von Natur aus emotionaler ist?“ Dreimal dürft ihr raten, was dabei herauskam.
Je höher Frauen in einem Unternehmen aufsteigen, desto stärker wächst die unterschiedliche Bewertung zwischen den Geschlechtern. In einer anderen Studie wurden die von außen wahrgenommene Kompetenz und das Selbstbewusstsein von hunderten Ingenieur:innen eines Konzerns abgefragt [7]. Zwischen den Geschlechtern konnten keine Unterschiede festgestellt werden. Als aber gefragt wurde, ob diese Qualitäten ausreichen würden, um in die Führungsebene vorzustoßen, öffnete sich ein Graben zwischen Frauen und Männern. Denn wo es für Männer ausreichte, dass sie kompetent und selbstbewusst wirkten, wurde bei Frauen zusätzlich eine „prosoziale Orientierung“ erwartet, also Wärme und Empathie, Sozialität und Emotionalität. Frauen in Führungsebenen müssen emotionaler sein, um als kompetent zu gelten [8]. Und hier ist eine Gratwanderung vonnöten: Wenn Frauen zu emotional sind, ist das schlecht [9], weil sie ihre Emotionen angeblich nicht unter Kontrolle hätten. Wenn sie ihre Emotionen hingegen zu stark kontrollieren, wird ihnen das als Gefühlskälte ausgelegt [10] – und nicht als soziale Kompetenz, wie das bei Männern der Fall ist [11].
Schaffen Frauen die sexistische Balance zwischen „Ich gebe mich emotional genug für eine Frau“ und „Ich gebe mich unemotional genug für den Job“, dann nennt man das heute wohl female leadership.
Und was ist dann male leadership? Ein herz- und skrupelloser Führungsstil?
Das bringt uns doch alles nicht weiter. Wenn Menschen auf der Arbeit ihre Stärken genau dort einbringen können und sollen, wo sie liegen, dann müssen wir Stereotype aufbrechen, die genau das verhindern. Das heißt konkret: Männer sollen ihre Gefühle zeigen *dürfen* (und ich meine damit nicht nur laut im Büro herumschreien, wenn etwas schiefgelaufen ist), während Frauen nicht dort emotional sein *müssen*, wo sie es nicht wollen. Klingt einfach. Und könnte es auch sein. Wenn wir auch auf der Arbeit öfter über Gefühle (und ihre Abwesenheit) sprechen würden.
Selbst so ein einfacher Glaube, dass Frauen gefühliger seien als Männer, hat extreme Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Frauen im Berufsleben. Für eine Zukunft, in der Frauen auf Augenhöhe mit Männern arbeiten, für eine bessere und ehrlichere Zukunft also, ist es vielleicht an der Zeit, dass wir uns gelegentlich Gedanken darüber machen, warum wir eigentlich lächeln – und warum nicht. In diesem Sinne: 🙂
Quellen:
[1] LaFrance, M. et al. (2003)
[2] Shields, S. A. (2002); Cuddy, A. J. C. et al. (2015)
[3] Feldman, B. et al. (1998); Else-Quest, N. M. et al. (2012); Fischer, A / LaFrance, M.(2015)
[4] Deng, Y. et al. (2016)
[5] Van Boven, L. (2012)
[6] Feldman Barrett, L. / Bliss-Moreau, E. (2009)
[7] Guillén, L. et al. (2018)
[8] Brescoll, V. L. (2016)
[9] Shields, S. A. (2002); Van Boven, L. / Robinson, M. D. (2012)
[10] Prentice, D. A. / Carranza E. (2002)
[11] Hess, U. et al. (2016)
Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.