Mutterschaft und Überlastung: Film „If I Had Legs I’d Kick You”

Rose Byrne gibt eine herausragende Darbietung als völlig überlastete Mutter in Mary Bronsteins zweitem Film „If I Had Legs I’d Kick You“ (2025). Nicht nur der Titel wird hier nicht erklärt Ein Film, der viele Rätsel aufgibt und auch gerade deswegen absolut zu empfehlen ist. Unser Film-Tipp. 

if i had legs i'd kick you logan white courtesy of a24

Triggerwarnung: Der folgende Beitrag thematisiert schwere seelische Belastungen.
Linda (Rose Byrne) hat keine Sekunde für sich. Zwischen ihrer Arbeit als Therapeutin, den Sitzungen mit der Familienberaterin, den Gruppensitzungen mit anderen Betroffenen, dem ständigen Mama! Mama!“ ihrer Tochter, die aufgrund einer nicht näher erklärten Krankheit über eine Sonde ernährt werden muss und einemabwesenden Ehemann, der als Kapitän anderorts herumschippert, geht sie sprichwörtlich unter. Und dann kommt das Wasser im wahrsten Sinne des Wortes in ihr Haus: Durch ein riesiges Loch in der Decke bricht ein Wasserschwall sich Bahn und macht die Wohnräume unbewohnbar. Linda muss mit ihrer Tochter in ein Hotel umziehen.  

Auch wenn Linda mal vor dem Hotel allein rauchen will, hat sie ständig das Babyphone und mit ihm das Piepsen der Maschine dabei, an der die Tochter hängt. Und selbst diese Zeit für sich sollte sie sich laut ihrem Mann nicht nehmen – keine Sekunde soll die Tochter allein sein. Froh wäre er, hätte er einen Job, wo er auch nur den ganzen Tag auf seinem Hintern sitzen müsste und sich die Sorgen anderer anhören.  

Lindas Tochter bleibt den ganzen Film über namenlos. Wir hören ihre Stimme (sehr deutlich!), aber sehen ihr Gesicht nicht. Dafür geht die Kamera gnadenlos nahe an Lindas Gesicht heran. Man merkt fast körperlich, wie sie von allen Seiten bedrängt wird. Nirgends findet sie Hilfe und sie kann gleichzeitig niemandem mehr wirkliche Hilfe sein. Irgendwann erzählt sie von einer Abtreibung vor zwanzig Jahren, der bedrückenden Frage, ob sie „das falsche Kind“ behalten hat und dass sie nicht fürs Muttersein gemacht war. 

Das Loch in der Decke sieht organisch aus, wie von Gewebe umgeben. Ein ganzes Universum füllt es. In dem Loch sehen wir, wie Linda hilflos ihre schreiende, strampelnde Tochter festhalten musste, während diese erstmals zwangsweise die Sonde gelegt bekam.  
 
Ist Loch die Leere in ihr selbst? Was ist real, was Einbildung? Liegt Linda nach einem Suizidversuch im Sterben und versucht, ihr Leben abzuschließen? Ist alles nur eine Vision ihres sterbenden Gehirns? Sind die Personen, die uns vorgestellt werden, nur Stellvertreter für Lindas Gefühle? Auch das Gesicht des Babys einer ihrer Klientinnen wird von der Mutter durch eine Decke über der Baby-Trage verhüllt. Eine Mutter, die Angst hat, sie könnte ihrem Kind etwas antun. Die Linda schreibt, sie wolle nicht wie die Texanerin Andrea Yates werden, die 2001 bedingt durch eine postpartale Psychose ihre fünf Kinder ertränkte. Ist die Klientin nur ein Stand-In für Linda und das Wasser aus der Decke am Ende ein Zeichen dafür, was Linda eventuell mit ihrer Tochter getan hat? 

Der Film lässt bewusst viele Fragen offen und es bleibt den Zuschauenden überlassen, darüber zu entscheiden. Überdeutlich und eindrücklich zeichnet er aber das Bild einer Mutter, die vom Sog ihrer Aufgaben verschlungen wird. Befreit sie sich am Ende? Ich möchte das Finale positiv sehen, aber auch bei der letzten Einstellung bleibt die Deutung uns allen selbst überlassen. 

100% sehenswert. 

– Natascha Heinisch

Cover: Logan White, Courtesy of A24. https://www.nonstopentertainment.com/en/katalog/if-i-had-legs-id-kick-you/

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