Sophie Achleitner ist Ökonomin am Momentum Institut. Zu ihren Themenschwerpunkten zählen feministische Ökonomie, etwa Geschlechtergerechtigkeit und unbezahlte Care-Arbeit, sowie bildungspolitische Fragestellungen und Sozialstaat und Lebensbedingungen, oft im Kontext von Budget- und Steuerpolitik. Mit uns spricht sie darüber, wieso auch Frauen ohne Kinder vom Gender Pay Gap betroffen sind – und wie dieser reduziert werden kann.
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Mutterschaft gilt als einer der wichtigsten Gründe für den Gender Pay Gap: Was sagt Ihre Studie dazu?
Es greift zu kurz, Mutterschaft als Hauptgrund und treibenden Faktor für den Gender Pay Gap heranzuziehen. Bei Frauen ohne Kinder ist die Lohnlücke fast genauso groß ist wie bei Müttern. An den Stundenlöhnen von Vätern gemessen, bekommen sowohl Mütter als auch Frauen ohne Kinder nur etwa 80 Prozent davon. Die Bezahlung von Männern ohne Kinder und Vätern bleibt etwa auf gleich hohem Niveau. Ob eine Frau Mutter ist oder nicht, macht im Vergleich zu den Vätern kaum einen Unterschied.
Was sind die hauptsächlichen Ursachen für den Gender Pay Gap?
Da spielen viele Faktoren mit hinein. Zum einen die Arbeitszeit. In Österreich sind wir EU-Schlusslicht: Jede zweite erwerbstätige Frau hier ist teilzeitbeschäftigt. Bei den Männern nur 14 %. Ein weitaus wichtigerer Faktor: Frauen sind überwiegend in schlecht bezahlten, oft systemrelevanten Berufen tätig, weibliche Arbeit wird hier auch ein Stück weit abgewertet. Wenn eine Branche oder ein Beruf weiblicher wird, dann sinkt dort das Lohnniveau. Es ist zudem die ganze unbezahlte Sorgearbeit, die zu einem Großteil immer noch von Frauen gestemmt wird, und sie daran hindert, Erwerbsarbeit in einem größeren Ausmaß nachzugehen.
Wie sieht der Gender Pay Gap bei kinderlosen Frauen aus?
Wir haben eine Analyse zu Paarhaushalten gemacht und ihre Einkommen miteinander verglichen: Bei Paaren mit Kindern ist die Lohnlücke zwischen den Eltern riesig. Die Mutter erhält im Schnitt etwa die Hälfte weniger Gehalt als der Vater. Aber diese Lohnlücke verschwindet in Paarhaushalten ohne Kinder nicht. Da liegt der Gender Pay Gap immer noch bei 22 %. Im Durchschnitt bekommen Frauen in Österreich 40 % weniger gezahlt im Vergleich zu ihren Partnern, mit denen sie im gleichen Haushalt leben.
Welche Rolle spielt die Annahme, eine Arbeitnehmerin könnte Mutter werden?
Eine Frau wird in sämtlichen Bewerbungsprozessen als potenzielle Mutter betrachtet und damit gilt sie für Arbeitgeber:innen als Risiko, weil sie längere Zeit ausfallen könnte. In unserer Gesellschaft ist fest verankert, dass jede Frau irgendwann einmal Mutter sein wird. Selbst wenn sie das gar nicht möchte, haftet diese Erwartungshaltung an ihr. Das sehen wir nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Privaten. Auch Frauen ohne Kinder übernehmen deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer ohne Kinder. Sie kümmern sich viel häufiger um Angehörige, Eltern, Freund:innen oder den eigenen Partner.
Neben dem Risiko Mutterschaft gibt es den Bonus als Vater: Was bedeutet Fatherhood Premium?
Die Begriffe „Motherhood Penalty“ (Mutterschaftsstrafe) und „Fatherhood Premium“ (Vaterschaftsprämie) hat die Wirtschaftswissenschafterin Claudia Goldin geprägt. In ihrer Forschung hat sie sich damit auseinandergesetzt, welche Rolle der Elternschaftsstatus für das Einkommen spielt. Die zentrale Erkenntnis: Frauen werden ökonomisch dafür bestraft, Mutter zu werden. Das hängt einerseits mit erschwertem Wiedereinstieg ins Berufsleben zusammen aber auch mit der Reduzierung von Arbeitszeit für Sorgearbeit. Bei Vätern gibt es auch von Arbeitgeber:innen-Seite den fest verankerten Glauben: Dieser Mann wird jetzt Vater, der wird jetzt eine Familie versorgen müssen. Männer werden oft sogar monetär dafür belohnt, sprich sie bekommen Gehaltserhöhungen, wenn sie Väter werden. Sie machen viel häufiger Überstunden, die ja oft mit entsprechenden Karriereschritten nach oben verbunden sind.
Gibt es auch Erkenntnisse zu ungebundenen Frauen ohne Kinder?
In Single-Haushalten ist der Zeitaufwand für unbezahlte Sorgearbeit, die durch Familienstrukturen bedingt ist, zwar geringer. Single-Frauen verbringen aber immer noch mehr Zeit mit Care-Arbeit als Single-Männer das tun, zum Beispiel für die Pflege von Angehörigen. Auch am Arbeitsmarkt sehen wir das: Grundsätzlich bestehen schon vor der Familiengründung beträchtliche Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern, weil männerdominierte Branchen viel besser entlohnt werden als überwiegend weiblich aufgestellte Berufe. Die Bewertung von Arbeit ist die eigentliche Wurzel des Problems.
Inwiefern lassen sich die Studienergebnisse auch für Deutschland und andere Länder übertragen?
Der Gender Pay Gap ist auch in Deutschland beträchtlich. Frauen arbeiten auch in Deutschland überdurchschnittlich oft in Teilzeit- und in systemrelevanten und schlecht entlohnten Berufen. Ebenso ist die Betreuungsinfrastruktur vielerorts ausbaufähig – es lassen sich schon sehr viele Parallelen herstellen.
Was muss passieren, damit sich der Gender Pay Gap reduziert?
Die Lösungen sind vielfältig und liegen auf der Hand. Um ein paar von ihnen zu nennen: Neben einer verpflichtenden Väterkarenz braucht es eine anständige Umsetzung der europäischen Entgelttransparenzrichtlinie. Alle Unternehmen müssen in die Pflicht genommen werden, die Löhne transparent zu machen. Wir brauchen auch einen Ausbau von sozialer Infrastruktur. Frauen müssen in Führungspositionen sitzen, in der Politik ebenso wie in der Privatwirtschaft. Wenn Frauen entscheiden, dann kommt das der gesamten Gesellschaft zugute.
Mehr dazu:
Mader, K. / Achleitner, S. (2023)
Mader, K. / Achleitner, S. (2025)
Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.