2025 hat Eva Victor (Drehbuch, Regie UND Hauptrolle) mit ihrem Debüt „Sorry, Baby“ eine Tragikomödie geschaffen, die Traumabewältigung und das Leben nach einem Übergriff zeigt wie wenig andere. Ein Film voller Freundschaft, leiser Kraft und einer guten Portion trockenem Humor. Unser Filmtipp.
Eine Doktorandin geht zu ihrem Doktorvater nach Hause, um mit ihm Notizen zu besprechen. Wir sehen sein Haus. Sie geht hinein. Wir sehen weiter das Haus. Es dämmert, es wird dunkel. Immer noch sehen wir nur das Haus. Aufgelöst kommt sie irgendwann nachts wieder aus der Tür. Das ist alles, was wir von dem sehen, was Agnes (Eva Victor) passiert. „Sorry, Baby“ erzählt nichtlinear und kapitelweise von Agnes‘ Leben vor und vor allem nach dem „Jahr mit der schlimmen Sache“. Es gibt keinen großen Knall, keinen Showdown der Rache, wie man ihn aus den „I Spit on Your Grave“-Filmen kennt. Es gibt keine publikumswirksame oder auch nur rechtliche Strafe für den Täter und keinen großen, empowernden Moment für Agnes.
Das Leben geht weiter. Der Arzt, den sie nach der Tat aufsucht, ist kalt-analytisch. An der Uni wird Agnes gesagt, dass man zwar wisse, was in ihr vorgeht,denn ihre Vertrauenspersonen seien „ja auch Frauen“, aber tun könne man gegen den Professor, der in weiser Voraussicht den Dienst schon quittiert hat, trotzdem nichts.
Agnes teilt sich direkt ihrer besten Freundin und Mitbewohnerin Lydie (Naomi Ackie) mit. Ihre Freundschaft steht auch im Kern des Films: Sie wird mit einer ruhigen, humorvollen Selbstverständlichkeit gezeigt, wie man es selten auf der Leinwand sieht. Die Freundinnen können sich bis zum Weinen vor Lachen kringeln und die eine Zähne putzen, während die andere daneben auf der Toilette sitzt.
Langsam setzt Agnes ihr Leben wieder zusammen, Lydie zieht aus, heiratet, wird schwanger, kommt sie in ihrem „alten Leben“ besuchen. Dazwischen liest Agnes auf der Straße ein verlorenes Kätzchen auf: „Ich schätze… ja, ich liebe dich“ sagt sie dem kleinen, schnurrenden Wesen direkt. Agnes und Lydie haben also jetzt eine Katze und für Lydie ist das völlig einleuchtend, denn es ist genau das, was ihrer Freundin gerade hilft. Agnes bekommt in einer der beeindruckendsten Szenen nach einer Panikattacke im Auto von einem Fremden ein Sandwich zur Beruhigung. Er fragt sie, wann „das Üble“ denn passiert sei. Sie antwortet etwas über drei Jahre und er sagt, „na, so viel Zeit ist nicht vergangen“. Manchmal braucht es ein gutes Sandwich. Der Film scheint so simpel daherzukommen und ist gerade deswegen zutiefst menschlich und realitätsnah.
Agnes bekommt später eine Festanstellung an der Universität. Und ihr Büro ist just das des Täters. Sie bleibt auch weiterhin in ihrem kleinen Haus wohnen, denn „es ist überall hart“. Und sie macht weiter.
In der letzten Szene sagt sie Lydias nun geborener kleiner Tochter, dass diese ihr immer alles wird sagen können, egal, wie schlimm es ist – ohne Angst, Agnes würde darüber erschrecken: „I’m sorry that bad things are gonna happen to you. I hope they don’t. (…) But I can still listen and not be scared. So that’s good. Or that’s something at least.”
– Natascha Heinisch
Cover: VVS Films, 2025, https://vvsfilms.com/press/sorry-baby/