Miriam Beblo ist Professorin der Volkswirtschaftslehre am Fachbereich Sozialökonomie der Universität Hamburg. Als angewandte Mikroökonomin forscht sie zu den Themen Arbeit, Familie, Gender und Migration. Im Gastbeitrag erklärt sie, wieso nachhaltige ökonomische Eigenständigkeit ein zentrales Ziel ist, wenn es um Gleichstellung geht.
Foto: HRA/Sommer
Im Zentrum der Diskussion um gerechte Entlohnung und Gleichstellung steht häufig das Einkommen. Doch um wirtschaftliche Unabhängigkeit umfassend zu verstehen und politisch wirksam gestalten zu können, braucht es ein erweitertes Verständnis, das dynamisch angelegt ist und den gesamten Lebensverlauf berücksichtigt.
Was bedeutet nachhaltige ökonomische Eigenständigkeit?
Ökonomische Eigenständigkeit liegt dann vor, wenn eine Person ihren Lebensunterhalt unabhängig von privater oder staatlicher finanzieller Unterstützung bestreiten kann. Wenn eine Person also weder auf die ökonomische Unterstützung durch Partner:innen, Freund:innen oder Familie oder von Transferleistungen abhängig ist. Entscheidend ist dabei allerdings nicht nur die Momentaufnahme, sondern auch die Frage, ob diese Eigenständigkeit unter veränderten Lebensumständen bestehen bleibt: im Falle einer Trennung, dem Verlust des Arbeitsplatzes, der Geburt eines Kindes oder im Ruhestand. Daraus ergibt sich folgende Definition:
„Eine Person ist ökonomisch umso eigenständiger, je besser sie ihren Lebensunterhalt unabhängig von privater und staatlicher Unterstützung bestreiten kann. Diese Eigenständigkeit ist nachhaltig, wenn sie auch unter veränderten Lebensumständen bestehen bleibt.“
Das „umso“ deutet darauf hin, dass es sich um ein graduelles Konzept handelt. Es gibt nicht nur „ökonomisch eigenständig“ oder „nicht eigenständig“, sondern auch Zwischenstufen. Der Begriff „Lebensunterhalt“ wiederum betont das subjektive Moment: Was jemand zum Leben braucht, ist individuell verschieden und abhängig von der jeweiligen Lebenssituation.
Drei Dimensionen ökonomischer Eigenständigkeit
Aus dieser Definition heraus lassen sich drei zentrale Teildimensionen ableiten, für die das Erwerbseinkommen jeweils essenziell ist:
- Aktuelle ökonomische Eigenständigkeit: Wo stehe ich heute? Wie viel verdiene ich? Welche Rücklagen habe ich? Bin ich finanziell unabhängig?
- Potenzielle Eigenständigkeit: Was wäre möglich? Wie viele Stunden könnte ich arbeiten? Welches Einkommen könnte ich erzielen? Wie sieht es aus, wenn die Lebensumstände sich ändern, z.B. im Trennungs- oder Scheidungsfall?
- Zukünftige Eigenständigkeit: Wie bin ich abgesichert? Zum Beispiel im Hinblick auf meine Alterssicherung?
Politische Rahmenbedingungen als Weichensteller
Ob und in welchem Ausmaß Menschen eine nachhaltige ökonomische Eigenständigkeit erreichen können, ist eng mit politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen verknüpft. Einige Beispiele zeigen, wie diese fördernd – oder eben verhindernd – wirken können:
- Das Steuersystem beeinflusst nicht nur das individuelle Nettoeinkommen, sondern über das Ehegattensplitting auch die Verteilung der Nettoeinkommen zwischen Ehepartnern und damit die ökonomischen Arbeitsanreize und die Arbeitsteilung im Paar. Dies kann sowohl die aktuelle, die potenzielle und über die erwerbseinkommensabhängige gesetzliche Rentenversicherung auch die zukünftige ökonomische Eigenständigkeit behindern.
- Die beitragsfreie Mitversicherung in der gesetzlichen Krankenversicherung trägt zu Arbeitsteilung und ökonomischen Abhängigkeiten bei.
- Minijobs verfestigen die Ungleichheiten weiter.
- Altersvorsorgesysteme, die stark an Erwerbsbiografien geknüpft sind, reproduzieren geschlechtsspezifische Ungleichheiten.
- Sicherungen im Trennungsfall sind oft unzureichend, insbesondere für Personen, die stärker familiäre Aufgaben übernommen haben.
All das führt nicht selten in einen Teufelskreis ökonomischer Rationalität. Entscheidungen, die kurzfristig sinnvoll erscheinen (z. B. ein Ausstieg aus der Erwerbstätigkeit oder ein Minijob zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf), bedeuten nicht nur aktuelle finanzielle Abhängigkeit, sondern mindern auch langfristig die ökonomische Eigenständigkeit.
Was kann helfen?
Zentral ist ein politischer Rahmen, der Gleichstellung systematisch berücksichtigt, sowohl in der Steuerpolitik, in der Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme und bei arbeitsmarktpolitischen Instrumenten. Es braucht ein Umdenken in gesellschaftlichen Zuschreibungen, in der Bewertung von Fürsorgearbeit, sowie eine Aufwertung von Berufsfeldern, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden und oft schlechter bezahlt sind.
Verhältnis von ökonomischer Eigenständigkeit und Gleichstellung
Die nachhaltige ökonomische Eigenständigkeit ist ein absolutes Konzept. Es beschreibt, ob jemand finanziell unabhängig ist oder nicht. Gleichstellung hingegen ist ein relatives Konzept. Es fragt nach den Unterschieden zwischen den Geschlechtern. Dabei sind beide Konzepte eng miteinander verwoben. Eine gleichstellungspolitisch ausgerichtete Wirtschaftspolitik stärkt die ökonomische Eigenständigkeit aller. Ein hoher Grad an nachhaltiger ökonomischer Eigenständigkeit ist zugleich zentrales Ziel und Maßstab für gelingende Gleichstellung. Solange die ökonomische Eigenständigkeit von Frauen im Durchschnitt hinter der von Männern zurückbleibt, bleibt auch das Ziel der Gleichstellung unerreicht. Deshalb ist es wichtig, das Konzept der nachhaltigen ökonomischen Eigenständigkeit in den Mittelpunkt gleichstellungspolitischer Debatten zu rücken, sowohl als analytisches Instrument als auch als politisches Ziel.
Mehr dazu:
Schaut in dieses Video für noch mehr Kontext: Miriam Beblo hat während des Kick-offs einen interessanten Vortrag gehalten.
Beblo, M. (2024).
Becker, I. et al. (2024)
Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.