Mitte Dreißig, mitten im Berufsleben, mittelmäßiges Gehalt – reicht das fürs Alter? Viele stellen sich diese Frage spät. Nicht in der Schule, kaum während Ausbildung oder Studium, sondern oft erst dann, wenn sie berufstätig sind und finanzielle und familiäre Verpflichtungen wachsen – sei es durch die eigene Familie(-nplanung) oder Fürsorgearbeit für Verwandte. Obwohl regelmäßig über Rentenreformen im Parlament gestritten wird, bleibt das Thema für viele abstrakt. Weil es in der Zukunft liegt oder weil im Jetzt einfach nichts für morgen bleibt.
Die Frage nach einer Altersvorsorge stellen sich die, die es sich irgendwie leisten können. Altersarmut ist eine diffuse Ahnung oder konkrete Angst, wenn klar wird: Das Versprechen vom sozialen Aufstieg wird nicht eingelöst. Und das, obwohl das Rentensystem einen gesellschaftlichen Rahmen bieten sollte.
Frühe Ursachen
Gleiches Geld für gleiche und gleichwertige Arbeit? Klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Solange nicht unmittelbar selbst betroffen, bleibt der Gender Pay Gap oft ein Randthema. Glaubenssätze („Leistung zahlt sich aus“) treffen auf gesellschaftlich anerkannte Beziehungsmodelle („Wir gleichen das aus“) und mischen sich mit Rollenstereotypen oder dem Unwissen derer, die die Arbeitswelt auf Grund ihres Alters noch gar nicht kennen. Das ändert sich spätestens mit dem Alter, denn die Auswirkungen des Gender Pay Gaps sind vor allem im späteren Lebensverlauf drastisch zu spüren. So beträgt die Rentenlücke zwischen Frauen und Männern in Deutschland 25,8 Prozent[1]. Die Weichen hierfür werden nicht erst durch Teilzeit oder unbezahlte Care-Arbeit, sondern bereits viel früher in Schule und Ausbildung gestellt und sind allgegenwärtig. Equal pay ist kein Problem berufstätiger, erwachsener Frauen und Seniorinnen, sondern auch von Kindern und jungen Frauen. Equal pay ist nicht mal nur ein Problem von weiblich gelesenen Personen, sondern geht alle Geschlechter an. Anders als bei der Rente gibt es für equal pay aber noch keinen verbindlichen Rahmen: Gehaltsstrukturen werden individualisiert, obwohl es ein strukturelles Problem mit weitreichenden Folgen ist.
Langfristige Konsequenzen
Wirtschaftliche Eigenständigkeit bedeutet, den eigenen Lebensunterhalt unabhängig von Angehörigen oder staatlichen Fürsorgeleistungen bestreiten zu können – über den ganzen Lebensverlauf hinweg. Die soziale Absicherung in Deutschland ist sowohl an die Dauer der Erwerbstätigkeit sowie an die Höhe des Einkommens geknüpft, weshalb beide Faktoren auch langfristige Folgen für die wirtschaftliche Eigenständigkeit haben. Das unterstreicht wie wichtig equal pay ist – und zwar every day, für alle! Frauen erhalten in Deutschland durchschnittlich einen um 16 Prozent geringeren Stundenlohn als Männer (Stand 2024)[2]. Das hat weitreichende Konsequenzen: Etwa die Hälfte der abhängig beschäftigten Frauen im Haupterwerbsalter können laut eines aktuellen DGB-Berichts[3] ihre eigene Existenz langfristig nicht sichern. Diese erschreckenden Zahlen verdeutlichen, wie wichtig ökonomische Eigenständigkeit insbesondere für Frauen ist. Denn Gleichberechtigung kann erst erreicht werden, wenn Abhängigkeiten beseitigt und Rechte gestärkt werden. Gerade Beziehungen sind jedoch oft durch finanzielle Abhängigkeiten gekennzeichnet. Ein ungleiches Einkommen in Paarbeziehungen wirkt sich von einer ungleichen Verteilung von Frei-Zeit und Arbeits-Zeit über die Bereitschaft für Care-Work bis hin zur Rente aus. Drastisch wird dies im Falle einer Trennung oder des Tods des Partners, wenn Frauen zuvor nicht finanziell abgesichert waren und in die Armut rutschen. Studien[4] zeigen zudem: Wer ökonomisch abhängig ist, hat ein höheres Risiko, in Gewaltbeziehungen zu bleiben.
Rollenbilder im Wandel?
Was also könnte helfen, um ein Bewusstsein zu schaffen und Veränderungen anzustoßen? Das Überdenken des finanziellen und gesellschaftlichen Wertes, den wir verschiedenen Arten der Care- und Lohnarbeit beimessen, finanzielle Grundlagenbildung bereits in der Schule, und noch wichtiger: die Sensibilisierung für und das kritische Hinterfragen von Rollenstereotypen! Denn Gendernormen und damit auch Paarbeziehungen befinden sich im Wandel. Rollenbilder werden fluider, Frauen finanziell unabhängiger und die Anforderungen an Männer verändern sich. Wie Studien[5] zeigen, ist dieser Wandel jedoch gerade für junge Männer überfordernd und es bildet sich eine antifeministische Gegenbewegung, die zu traditionellen Geschlechterrollen zurückkehren und die Unabhängigkeit von Frauen untergraben will. Parallel werden immer mehr Ehen geschieden und die Zahl der queeren Paare sowie der Alleinerziehenden steigt. All diese Entwicklungen verdeutlichen die gesellschaftliche Notwendigkeit für neue, gleichberechtigte Beziehungsmodelle, in denen auch Finanzen gleichberechtigt geregelt werden. Es braucht schulische (Finanz-)Bildung, neue Unternehmenskulturen und strukturelle Veränderungen: Equal pay ist keine Privatsache, die am Küchentisch verhandelt wird, sondern ist in gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Strukturen eingebettet. Es braucht politische Maßnahmen und eine Gesellschaft, die strukturelle Ungleichheiten nicht als individuelles Versagen tarnt. Equal pay every day!
[1] Destatis (2025)
[2] Destatis (2025)
[3] Pimminger, I. (2024)
[4] BKA (2024)
[5] Wipperman, C. (2024)
– Eva Flügel, EPD Team
Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.