Jana Lindner, Dr. Phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Basel. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind geschlechtergerechte Bildung, weibliche MINT-Vorbilder und geschlechts- sowie fachspezifische Überzeugungen von Lehrpersonen. Elena Makarova ist Professorin für Bildungswissenschaften und Direktorin desselben Instituts. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen Akkulturation und Adaptation im Kontext der Migration, Berufsorientierung und Gender sowie Wertebildung und Wertetransmission.
Foto: PH FHNW/Barbara Keller
Die anhaltende Geschlechtersegregation prägt Bildungs- und Erwerbsbiografien nachhaltig. Horizontal zeigt sie sich in der ungleichen Verteilung der Geschlechter auf Berufsfelder, vertikal in ungleichen Karrierechancen. Beide Formen verstärken sich und tragen zum Gender Pay Gap bei. Ursachen sind geschlechtsbezogene Stereotype, die durch strukturelle Rahmenbedingungen stabilisiert werden.
Studien zeigen, dass Lehrpersonen und Eltern Erfolge von Jungen eher als Begabung, von Mädchen eher als Fleiß interpretieren[1] – ein Bias mit langfristigen Folgen. Bereits in der zweiten Klasse verinnerlichen Mädchen die Vorstellung, Mathematik sei „Männersache“ – oft bevor Leistungsunterschiede überhaupt auftreten.[2] Folglich unterschätzen Mädchen ihre mathematischen Fähigkeiten, während Jungen technisches Interesse unterstellt wird.
In der weiterführenden Schule verfestigen sich diese Muster: MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) gelten als männlich konnotiert und deren Lehrmittel sind stark männlich dominiert.[3] So sind männliche Protagonisten und berühmte Persönlichkeiten wie Einstein oder Newton in Lehrmitteln stark überrepräsentiert, während Naturwissenschaftlerinnen – mit Ausnahme von Marie Curie – darin kaum sichtbar sind.[4]Junge Frauen entwickeln in diesem Umfeld ein schwächeres fachliches Selbstkonzept, verlieren Interesse und streben seltener MINT-Berufe an.[5]
Gerade die Phase der Berufsorientierung ist entscheidend: Der Berufswahlprozess erfolgt weitgehend unbewusst, wobei Geschlechtskonformität schwerer wiegt als Interessen oder Prestige – mit weitreichenden Folgen für Berufs- und Lebenschancen.[6]
Selbst nach Abschluss eines MINT-Studiums verbleiben Frauen seltener im MINT-Bereich – bedingt durch männlich geprägte Arbeitskulturen, ungleiche Aufstiegschancen, familienunfreundliche Bedingungen und Diskriminierungserfahrungen.[7]
Es braucht sichtbare weibliche Vorbilder, Mentor:innen und die Förderung einer geschlechtersensiblen Berufsorientierung und -beratung. So können Stereotype reflektiert, Rollenvorbilder aufgezeigt und Berufswahlhorizonte erweitert werden. Damit eröffnen sich Perspektiven für vielfältige Lebensentwürfe und faire Chancen, die langfristig zu mehr Geschlechter- und Lohngerechtigkeit im Lebensverlauf beitragen.
[1] Gentrup, S. et al. (2024) ; Tiedemann, J. (2000)
[2] Bian, L. et al. (2017) ; Cvencek, D. et al. (2021)#
[3] Herzog, W. et al. (2019); Makarova, E. et al. (2019); Wenger, N. / Makarova, E. (2019)
[4] Ebd.
[5] Lindner, J. / Makarova, E. (2024)
[6] Gottfredson, L. S. (2002)
[7] Barthelemy, R. S. et al. (2016); Holtzblatt, K. / Marsden, N. (2022)
Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.