Die quasi schon zum Klassiker aufgestiegene Serie „Grace and Frankie” (2015 – 2022) erzählt von zwei Frauen im fortgeschrittenen Alter, die durch unkonventionelle Umstände eine tiefe Freundschaft entwickeln und sich gemeinsam neu erfinden – und hat damit einen Wohlfühlort geschaffen, zu dem man immer wieder gerne zurückkehrt.
Eine Unbekannte ist „Grace and Frankie“ nun nicht gerade. Genauso wenig wie die Stars, die die Serie spicken. Überraschend ist, dass die erste Folge gar nicht mal so lustig ist: Denn es ist eigentlich schon etwas sehr Ernstes, wenn zwei Frauen in ihren 70ern, für die (zumindest in einem Fall) die Welt und die Ehe sehr schön schien, bei einem Abendessen von ihren Männern verlassen werden. Weil diese nach 20 Jahren geheimer romantischer Beziehung nun endlich offen miteinander leben möchten.
Die toughe, stylische Grace (Jane Fonda) und die Hippie-Künstlerin Frankie (Lily Tomlin) stehen also erstmal vor einem Scherbenhaufen. Während ihre Ex-Partner Robert (Martin Sheen) und Sol (Sam Waterston) direkt in die verliebte Zweisamkeit übergehen können, ziehen sich Grace und Frankie unabhängig voneinander zunächst in das Strandhaus zurück, das die Männer (wohl als Liebesnest) einmal gekauft hatten. Und müssen da zwangsweise zusammenwohnen, denn leiden können sie sich nicht – zu groß sind die Unterschiede zwischen der „eitel Zugeknöpften“ und der „bekifft Freigeistigen“.
Aber wie es oft läuft in den schönen Geschichten der ungleichen Freundschaften, bereichern die beiden einander mit der Zeit zusehends. Sie stützen einander, sie sind füreinander da. Frauen sind im Alter unsichtbar? Gut, denn so merkt der Verkäufer, der auf eine junge Frau fixiert ist und die Damen völlig ignoriert, wenigstens auch nicht, dass sich Frankie ihre Zigaretten am Ende einfach mopst. Scheidentrockenheit nach der Menopause? Frankie hat ein 100 % natürliches Gleitgel und Grace macht mit ihrer Kosmetikfirma daraus einen Kassenschlager. Altersbedingte Arthrose im Handgelenk? Die beiden entwickeln seniorenfreundliches Sexspielzeug. Das Leben fängt für Frankie und Grace beileibe nicht gerade erst an, aber sie machen was draus!
Die Serie schwingt an vielen Stellen zwischen Sitcom-Humor und großen, schweren Themen, die auch Krankheit, selbstbestimmtes Sterben und Demenz nicht auslassen. Der Mix klappt in der Kürze einer Folge auch nicht immer so ganz. Und die durchschnittliche Omi aus Teterow, Baesweiler oder Bad Wörishofen sieht auch weder so aus wie Grace oder Frankie noch hat sie die Mittel und Möglichkeiten, die den beiden am Lebensabend zur Verfügung stehen. Das ist völlig klar. Die Serie hat selbstverständlich ihre Schwächen. Trotzdem hat sie mit ihren Protagonistinnen Menschen in den Mittelpunkt gerückt, die normalerweise sehr viel weniger Sendezeit bekommen.
„Grace and Frankie” ist bevölkert von schillernd bunten Persönlichkeiten – von den Ex-Partnern, die sich auch nochmal neu erfinden dürfen, über die erwachsenen Kinder hin zu deren Partnern und Partnerinnen und dem Freundeskreis – die ich alle ganz wunderbar herzerwärmend sind. Die Serie hat mit ihren Charakteren, ihrer Stimmung und ihrer großen Wärme für viele einen Wohlfühlort geschaffen, zu dem man immer wieder gerne zurückkehrt. Als hätte man selbst ein Strandhaus in San Diego.
– Natascha Heinisch
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