Einfach mal das weibliche Money-Mindset optimieren und dann wird das schon mit der gleichen Bezahlung? Die Moderatorin, Autorin und Comedienne Katharina Linnepe darüber, wieso der Gender Pay Gap sich nicht mit Persönlichkeitsentwicklung und ETF-Depots überwinden lässt.
Foto: Laura Nickel
Ich werde bald 42, und wie viele meiner Mid-Millenials, frage ich mich immer noch, was ich werden soll, wenn ich einmal groß bin. Die Fortschritte in meinem Bindungsverhalten bemessen sich lediglich daran, wie lange das Basilikum in meiner Küche überlebt (aktueller Rekord: vier Wochen). Den Mythos „Vom Bausparvertrag zum Eigenheim“ habe ich im Studium aufgegeben, und schon mit Anfang 30 stand eines meiner Beine fest in der Altersarmut.
Beim Versuch, dieses angeblich selbstverschuldete Trudeln durchs Leben auszubügeln, gehe ich so vor, wie es sich große Teile meiner Generation angeeignet haben: Ich höre Podcasts. Abgesehen von den True-Crime-Erzeugnissen, die mir das Gefühl geben, mein Leben wenigstens teilweise im Griff zu haben, weil ich keine Axtmörderin geworden bin, spült mir der Algorithmus vor allem Produktionen ins Ohr, die „Persönlichkeitsentwicklung“ versprechen – Meditationen, Affirmationen und unzählige Finanz-Podcasts für Frauen.
Laut eines messianischen Versprechens, welches uns Millenials mitgegeben wurde, ist genau das die magische Trias, die mich ein Vierteljahrhundert bis zum Renteneintritt doch noch retten soll: Meditiere dich in einen Zustand der Fülle, verlasse dein Mangel-Mindset dank positiver Glaubenssätze und lege dir ein ETF-Depot an.
Neoliberale Heilsversprechen sind mit Vorsicht zu genießen. 50 Euro monatlich in den MSCI World Index zu investieren, wird mich – auch und gerade als Frau – nicht erlösen. Ganz im Gegenteil erhöhen die Vermögensaufbauparolen noch den allgegenwärtigen Druck auf mich und meine weiblich sozialisierten Generationsgenossinnen, dass wir als Cycle-Breakerinnen die finanzielle Unmündigkeit unserer Mutterlinie ganz allein und in einer Lebenszeit durchbrechen sollen.
Ein hartnäckiger Gender Pay Gap lässt sich nicht mit einem Podcast, in einem überteuerten Mentoring oder in einem durch gentrifizierten Embodiment-Studio weg atmen. Strukturelle Ungleichheiten lösen sich nicht in Wohlgefallen auf, wenn wir unser weibliches Money-Mindset optimieren und ein Depot eröffnen. Die Therapie der Entgeltlücke gehört nicht in meine stille Achtsamkeitspraxis, sondern auf die Straße, in Form lauten und sichtbaren Protestes.
Vielleicht kommen uns Techniken der Persönlichkeitsentwicklung beim großen Ziel von equal pay aber doch zugute: dabei, die patriarchale Lüge vom Selbstmakel zu überwinden. Bei systemischen Missständen hilft keine Selbstoptimierung.
Da müssen wir alle gemeinsam reinatmen.
Dieser Text ist ursprünglich im Februar 2026 erschienen.