Auf Augenhöhe verhandeln – WIR SIND BEREIT.

Frauen wollen verhandeln, das ist Fakt. Doch Verhandlungssituationen rufen Stereotype und Rollenerwartungen auf beiden Seiten hervor. Weibliche Forderungen werden anders bewertet: Im Beruflichen wie im Privaten. Was bei Männern Durchsetzungsstärke ist, wird bei Frauen nicht selten als Verbissenheit beurteilt.

Machen wir Schluss mit dem Schubladendenken! Denn mehr gutverdienende Frauen und gleichberechtigte Partnerschaften sorgen auch für neue Rollenbilder. Für ein Treffen auf Augenhöhe. Wir sind bereit!

Nachbericht zum Auftaktforum zur Equal Pay Day Kampagne am 4. November 2019 in Berlin

Unter dem Motto „Auf Augenhöhe verhandeln – WIR SIND BEREIT.“ startete am 4. November die Kampagne zum Equal Pay Day 2020 im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSJ). Uta Zech, Präsidentin des BPW Germany e.V. führte knapp in das Thema ein und stellte fest: „Frauen wollen verhandeln. Und sie geben ihre beruflichen Ambitionen nicht im Kreissaal ab.“ Im Anschluss begrüßte Staatssekretärin Juliane Seifert. Sie berichtete von den aktuellen politischen Maßnahmen, die die beruflichen Chancen von Frauen fördern. Die seit 2016 geltende Geschlechterquote für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten zeigt Wirkung. Bei der Evaluation des Entgelttransparenzgesetzes zeigte sich zwar, dass das Gesetz von den Beschäftigten noch zurückhaltend genutzt wird. Für viele Unternehmen ist aber Transparenz mittlerweile ein Standortvorteil. 45 Prozent überprüften freiwillig ihre Entgeltstrukturen.   

Den ersten Impulsvortrag hielt Dr. Benita Combet von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Die Soziologin sprach zu Mythos und Wirklichkeit beim Thema Frauen in Gehaltsverhandlungen. Sie identifizierte diverse Mythen, die gern bemüht werden, um das Lohngefälle zu rechtfertigen. Die „Humankapitaltheorie“ geht davon aus, dass Frauen schlechter ausgebildet sind und über weniger Berufserfahrung verfügen. Frauen sind aber mittlerweile in nahezu allen westlichen Industrieländern besser ausgebildet als Männer. Auch die Idee, dass das Gehaltsgefälle durch Persönlichkeitsunterschiede zwischen den Geschlechtern bedingt ist, die dazu führen, dass Frauen sich eher um Familienaufgaben kümmern, kann widerlegt werden. Stattdessen zeigen Studien, dass bereits vor der Familienphase Frauen im Schnitt 3 bis 5 Prozent weniger Gehalt erhalten. Es drängt sich beim Thema, so schlussfolgerte Combet, vielmehr eine systematische Diskriminierung als Erklärungsmuster auf, die auch in Gehaltsverhandlungen zum Tragen kommt. Hier verhandeln Frauen nicht schlechter, sondern werden in ihren Forderungen anders wahrgenommen und für das Initiieren von Gesprächen häufiger abgestraft.       

Verhandlungsexpertin und Autorin Anja Henningsmeyer lieferte im Anschluss in ihrem Vortrag Tipps für die Praxis. Die Spracherkennungssoftware „Siri“ weist den Weg: Sie macht aus „Equal Pay“ „Ick will pay“. Henningsmeyer riet, Verhandlungen als Spiel zu betrachten, in denen nicht der eigene Selbstwert verhandelt wird, sondern zunächst nur eine Zahl. Auch würden Frauen dazu neigen, Verhandlungen wortreich zu führen. Dabei erweise sich Zuhören manchmal als die bessere Taktik. Auch bewusst gesetztes Schweigen oder Pausen können Wunder wirken. Schließlich sollte der Beziehungsaspekt nicht auf die Verhandlungssituation übertragen werden. Ein respektvoller Umgang miteinander ist ausreichend, Frauen müssen nicht „gemocht“ werden. Wer Arbeits- und Beziehungsebene trennt, kann die Zurückweisung von Forderungen besser akzeptieren, ohne dass die Arbeitsbeziehung belastet wird. Ein günstigeres Verhandlungsergebnis wartet zudem auf alle, die nicht nur mit einer einzelnen Forderung ins Gespräch gehen.   

Prof. i. R. Dr. phil. Christiane Funken von der Technischen Universität Berlin referierte zu „Unconscious Bias“ in der Arbeitswelt. Er fußt auf Wissens- und Machtsilos, die immer noch anzutreffen sind. Viele Vorgesetzte zeichnen sich durch ein heroisches und hierarchisches Management aus. Auch informelle Spielregeln der „Old Boys Networks“ sind für Frauen nur schwer zu durchbrechen. Demgegenüber steht ein grundlegender Wandel unserer Lebens- und Arbeitswelt: Globalisierung und Digitalisierung zwingen Unternehmen zur Veränderung. Bei den Beschäftigten ist eine Verschiebung der Erwerbsorientierung zu beobachten: Zufriedenheit, Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit und Freizeitorientierung sind heute bestimmende Kriterien bei der Wahl der Beschäftigung. Zudem wandeln sich die Geschlechterverhältnisse grundlegend. Männer wollen aktive Väter sein, auch wenn bei vielen im beruflichen Kontext die Art der Performance immer noch traditionell ist. Strukturen und kulturelle Mechanismen, die „Unconsious Bias“ fördern sind beharrlich, so Funken. Erstmals in der Geschichte wirken aber die oben erwähnten Modernisierungsströme gleichzeitig. So bietet sich eine echte Chance für Veränderung, in der Frauen aufgerufen sind, ihren Marktwert zu erkennen und ihren Platz einzufordern. Neue Formen der Wissensarbeit, die auf Kommunikation, Kooperation und Interaktion setzen, bieten hier beste Möglichkeiten. Und Unternehmen werden bemerken, dass sie auf Frauen besonders angewiesen sind.

Noch ist die familiäre Sorgearbeit allerdings überwiegend weiblich und führt teilweise zu langen Auszeiten. Welche Hilfsangebote es für einen gelungenen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt gibt, erläuterte Sabine Christen. Sie ist stellvertretende Leiterin des Referats Arbeitsmarkt im Bundesfamilienministerium und ist verantwortlich für das Aktionsprogramm „Perspektive Wiedereinstieg“. Wiedereinsteigerinnen sind zu 50 Prozent über 40 Jahre alt und im Schnitt 6 Jahre aus dem Arbeitsmarkt ausgestiegen. Die Frauen treffen auf Vorbehalte von Arbeitgebenden, die insbesondere Alleinerziehende und/oder sehr gut ausgebildete Akademikerinnen erreichen. Das Aktionsprogramm bietet hier Informations- und Unterstützungsangebote vom Wiedereinstiegsrechner bis zur Vermittlung digitaler Kompetenzen.

Die anschließende Podiumsdiskussion zum Thema „Alles verhandelbar?! Finanziell unabhängig und privat gleichberechtigt“ wurde von Uta Zech moderiert. Patricia Cammarata, Autorin und Bloggerin, Laura Rauschnik, Projektleiterin beim DBG, Katrin Wilkens, Jobprofilerin, Almut Schnerring, Autorin und Aktivistin und Klaus Schwerma, stellvertretender Geschäftsführer des BUNDESFORUM Männer spannten den Bogen von Gendermarketing über die Wichtigkeit von Verhandlungen in der Partnerschaft und den Nutzen von Projektmanagementtools über die Notwendigkeit von Tarifverträgen, familienfreundlichen Maßnahmen in Unternehmen bis zur Verantwortung von und Chance für Männer, die ebenso davon profitieren, wenn die „Alleinernährerverantwortung“ aufgeweicht werden kann.

Die Impulse und Diskussionen zeigten, dass Entgeltgleichheit nur zu erreichen ist, wenn der Verhandlungsbegriff auch auf das Private ausgedehnt wird. Nur eine gleichberechtigte Teilung von Familien- und Sorgearbeit ermöglicht allen Geschlechtern die volle Wahrnehmung ihrer beruflichen Chancen. Frauen wollen verhandeln und tun dies nicht schlechter, sondern maximal anders als Männer. Im beruflichen Kontext muss bei Personalverantwortlichen ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, dass Rollenstereotype wirken. So können Instrumente geschaffen werden, die alte Verhandlungsmuster durchbrechen.

Die Equal Pay Day Kampagne dankt allen Referierenden und Teilnehmenden, die zum Erfolg des Auftaktforums beitrugen. Seit 13 Jahren fußt die Equal Pay Day Kampagne auf dem bundesweiten ehrenamtlichen Engagement der lokalen BPW Clubs und unzähliger anderer Akteurinnen und Akteure. Wir freuen uns, mit ihnen am 17. März 2020 erneut eine rote Welle für Lohngerechtigkeit durchs Land rollen zu lassen. Wir sind bereit. Sind Sie dabei? 

> Präsentation zur Veranstaltung


Auftaktforum zur Equal Pay Day Kampagne am 4. November 2019 in Berlin

Wir starten am 4. November.

Verhandlungen sind ein emotionales Thema. Genau wie Geld. Im Kampagnenjahr 2020 des Equal Pay Day wollen wir es wissen: Ist geschlechtstypisches Verhandlungsverhalten ein Erklärungsfaktor für die Lohnlücke? Und noch wichtiger: Wie schaffen wir es, uns trotzdem auf Augenhöhe zu begegnen? Wie garantieren wir transparente Prozesse und nachvollziehbare Bewertungskriterien beim Poker um Gehalt, beruflichen Aufstieg und nicht zuletzt faire Aufgabenteilung im Privaten? Lassen Sie uns Lösungen andenken! Am 4. November 2019 wollen wir mit Ihnen beim Auftaktforum im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Berlin zum Kampagnenmotto „Auf Augenhöhe verhandeln – WIR SIND BEREIT.“ ins Gespräch kommen. Freuen Sie sich auf spannende Vorträge zu Mythos und Wirklichkeit beim Thema Frauen in Gehaltsverhandlungen, einen Erfahrungsbericht aus der Coachingpraxis und Impulse zu „Unconscious Bias“ und beruflichem Wiedereinstieg.

> Programm zur Veranstaltung