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EPD Foren

Unter dem Motto „Was ist meine Arbeit wert?“ läuteten wir am 3. November 2015 mit Bundesministerin Manuela Schwesig und rund 120 Gästen die Equal Pay Day Kampagne 2016 ein. Zwei weitere Foren folgten am 10. November in Frankfurt am Main und am 18. November in Düsseldorf. Die eingeladenen Experten und Expertinnen beleuchteten aus unterschiedlicher Perspektive das Schwerpunktthema BERUFE MIT ZUKUNFT und gaben neue Impulse für eine gerechte Arbeitswelt. 

Das waren die Equal Pay Day Foren in Berlin, Frankfurt am Main und Düsseldorf!

Videos aller Vorträge finden Sie in der Mediathek.
Die Präsentationen sowie Material von den Foren in den Vorjahren sind im WIKI archiviert.
Die Fotos von den Foren finden Sie auf Flickr.
Das Gesamtprogramm finden Sie hier zum Download.

Nachbericht von Christel Riedel, Projektleiterin Forum Equal Pay Day

Die fortschreitende Digitalisierung verändert unsere Arbeitswelt schneller denn je. Neu ist solcher Wandel nicht. In den 1980er Jahren z.B. war der Beruf der Fotolaborantin verbreitet. Sie haben sogar Rechtsgeschichte in Sachen Equal Pay geschrieben: 29 Fotolaborantinnen der Gelsenkirchener Firma Heinze (die „Heinze Frauen“) haben 1981 beim Bundesarbeitsgericht 100.000 DM Lohnnachzahlung erstritten. Die „Heinze Frauen“ hatten im Vergleich zu den Männern, die exakt dieselbe Arbeit verrichteten, keine oder nur geringere Zulagen erhalten. Der Beruf ist inzwischen praktisch ausgestorben. Unterstützt wurde die Klage seinerzeit von der der Gewerkschaft IG Druck und Papier. Die gibt es heute auch nicht mehr, weil auch der Beruf des Schriftsetzers und des Druckers mit der digitalen Entwicklung gewaltige Veränderungen erfahren hat.

Wie können Frauen von der sich wandelnden Arbeitswelt profitieren? Was erwarten junge Menschen von ihrem Broterwerb, von ihrer Karriere? Dazu haben wir Klaus Hurrelmann, einen der Autoren der aktuellen Shell Jugendstudie eingeladen. Er zeigte sich optimistisch: Junge Frauen wie Männer wollen selbstbewusst ihre gute Ausbildung in gutes Einkommen umsetzen, bewerten dabei aber die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns im Erwerbsleben höher als eine Karriere. Diese Ergebnisse lassen auch für die Sorgeberufe hoffen!

Personennahe Arbeit in Pflege und Erziehung ist schon allein deshalb ein Zukunftsberuf, weil Sorgearbeit (zumindest mittelfristig) nicht digitalisiert werden kann und der demographische Wandel in einer alternden Gesellschaft resultiert. Genau diese Berufe gilt es aufzuwerten, wobei die bessere Bezahlung Hand in Hand gehen muss mit besseren Arbeitsbedingungen. Cornelia Heintze hat errechnet, dass nur mit verdoppeltem Finanzvolumen die Langfristpflege auf ein mittleres europäisches Niveau anzuheben sein wird. Warum schneidet Deutschland im europäischen Vergleich so schlecht ab? Weil unser Pflegesystem familienbasiert ist. (Alten-)Pflege wird überwiegend informell von weiblichen Angehörigen geleistet. Qualifikation wird qua Geschlecht vorausgesetzt, weitere Ausbildung für entbehrlich gehalten. Hannelore Buls, Vorsitzende des Deutschen Frauenrats, hat in ihrem Vortrag diesen Begründungszusammenhang auf andere, weiblich dominierte, Dienstleistungsberufe erweitert. Über aktuelle politische Reformbemühungen bei der Altenpflege berichtete uns Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis und stellte sich den Fragen von Edda Schliepack vom SoVD. Leni Breymaier von ver.di hat  dargelegt, wo die Schwierigkeiten beim Streik der Erzieherinnen für angemessene Entlohnung aus Gewerkschaftssicht lagen: Die Streiklast trugen die betroffenen Eltern und die Gewerkschaften, während die Arbeitgeber durch Lohneinsparungen sogar profitierten. Eine absurde Situation – die übertragbar ist auf andere soziale Dienstleistungsberufe in Schulen, Krankenhäusern und Heimen.

Sorgearbeit ist immer noch menschliche Arbeit. Allerdings wird sie zunehmend über Internetplattformen an Solo-Selbständige vermittelt, die allein im Markt auftreten und keine Mitarbeitenden beschäftigen. Hier gibt es drängenden gesetzgeberischen Handlungsbedarf, wenn wir statt der angestrebten Aufwertung nicht eine weitere Abwertung von personen- und haushaltsnahen Dienstleistungsberufen durch Wegfall der sozialen Sicherung hinnehmen wollen. Reinhold Thiede von der Deutschen Rentenversicherung und Eva Welskop-Deffaa vom ver.di Bundesverband haben uns aktuelle Überlegungen dazu vorgestellt. Beschäftigung im Haushalt ist ein schwer zu kontrollierender Schwarzarbeitsmarkt. Im Interesse der Beschäftigten wie verantwortungsbewusster Auftraggeber hat die Bundesagentur für Arbeit ein Modell zur Transformation dieser Arbeit in sozialversicherte Beschäftigung entwickelt, welches Heidi Holzhauser präsentiert hat. 

Im Mint-Zeitalter sind Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik ebenso Zukunftsberufe, die nicht nur besser bezahlt werden als soziale Berufe, sondern genauso Sinn stiften können. Dennoch bleiben sie unattraktiv für Frauen und werden überwiegend von Männern gewählt. Wie kann eine Begleitung der Berufswahlentscheidung aussehen, die tradierte Rollenbilder endlich überwindet? Alexandra Schiltz hat uns dazu aus der Arbeit des Referats Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer im BMFSFJ berichtet. Jens Krabel und Miguel Diaz ergänzten dieses Themenfeld durch Berichte zu den Projekten „Männer in Kitas“ und „Neue Wege für Jungs“.

Und welche neuen Berufe  entstehen auf dem Weg in eine digitale Ökonomie? Da wären zum Beispiel die Datenanalysten zu nennen. Wir hinterlassen riesige Datenspuren, die sich bei intelligenter Auswertung als eine Fundgrube für die Informationswirtschaft erweisen. Hans Pongratz von der TU München hat uns inspirierende Einblicke in dieses neue und attraktive Berufsfeld vermittelt, welches noch in den Anfängen und für Pionierinnen offen steht.

Die Bertelsmann Stiftung stützt mit ihrer Prognose „Erwerbseinkommensentwicklung 2020“ unsere Forderungen nach Aufwertung der Dienstleistungsberufe: Wenn nichts passiert, so hat Armando Garcia Schmidt berichtet, wird sich die Einkommensschere zu den Technischen Berufen in der Produktion bis zu Jahr 2020 weiter öffnen. Nicht nur branchenspezifisch, sondern auch regionalspezifisch öffnet sich eine gewaltige Einkommensschere: Während 50 Prozent der Ingolstädter mehr als 4.300 € monatlich verdienen, müssen die Menschen im Erzgebirge mit weniger als der Hälfte auskommen. Das ist so wenig, dass damit zwangsläufig auch die geschlechtsspezifische Einkommenslücke schrumpft, während sie in den stark industrialisierten Hochlohngebieten deutlich über dem Durchschnitt liegt. Diese und weitere für unsere Kampagne wichtigen Daten hat uns Michaela Fuchs vom IAB Halle erläutert. Über den vergleichsweise hohen Gender Pay Gap in ländlichen Gebieten und die damit verbundenen Auswirkungen auf Frauen und Familien hat Freya Matthießen, Equal Pay Beraterinnen beim Deutschen Landfrauenverband, berichtet.

Das renommierte Cambridge Journal of Economics hat in diesem Jahr ein Sonderheft zum Gender Wage Gap veröffentlicht, für das Karin Gottschall einen Vergleich von 25 europäischen Ländern und dem Wirken ihrer Institutionen zur Lohnfindung verfasste. Sie zeigte uns auf: Starke Gewerkschaften und hohe Tarifbindung helfen. Brigitte Burkart hat über die Lohnunterschiede von Absolventen der Hochschule Pforzheim schon beim Berufseinstieg berichtet. Christine Kronenberg, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln, hat uns die Vergütungsstrukturen in ihrer Kommune nahe gebracht.

Inhaltlich trägt die Unterhaltungsbranche munter bei zur Verfestigung von gesellschaftlichen Strukturen und unbewusstem Rollendenken: Der weibliche Blick ist in deutschen Film- und Fernsehproduktionen deutlich unterrepräsentiert. Nur 11 Prozent aller Sendeminuten im TV werden von Frauen gedreht! Mit der Initiative Pro Quote Regie haben sich Regisseurinnen zusammengeschlossen, um eine geschlechterspezifisch gerechte Verteilung zu erreichen Bettina Schoeller Bouju hat uns in einem ebenso amüsanten wie eindrücklichen Vortrag vor Augen geführt, was sich ändern muss, damit sich hier etwas ändert.

Alles dieses wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung und Finanzierung durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Auch in diesem Jahr hat Frau Bundesministerin Schwesig wieder die Kampagne eingeläutet und über ihr Gesetzgebungsprogramm, unter anderem das geplante Gesetz für mehr Entgeltgerechtigkeit, gesprochen. Der Kanadische Bundesstaat Ontario hat bereits seit mehr als 20 Jahren Erfahrung mit einem solchen Gesetz. Aus der Umsetzungspraxis hat uns Emanuela Heyninck, Vorsitzende der dortigen Pay Equity Commission, authentisch berichtet.

Das Programm der Equal Pay Day Foren zeigte: Beim aktuellen Schwerpunktthema BERUFE MIT ZUKUNFT kommen ganz unterschiedliche Perspektiven und vielfältige Aspekte zusammen. Die zentralen Punkte des Themas umriss deshalb Waltraud Kratzenberg-Franke, Projektmanagerin Forum Equal Pay Day, in ihrem Vortrag. Als Schwerpunktpartner konnten 2016 die Bundeszentrale für politische Bildung und die Stadtreinigung Hamburg gewonnen werden. BpB Präsident Thomas Krüger hat unser Anliegen der Entgeltgerechtigkeit als wichtigen Bestandteil des politischen Bildungsauftrages seiner Institution beschrieben. Die Hamburger Stadtreinigung hingegen geht sehr pragmatisch vor und wirbt fürs Mischen: Eileen Ziemer hat uns das Konzept „Frauen in die Müllabfuhr“ vorgestellt, mit dem Frauen für den Beruf des Müllwerkers gewonnen werden sollen. Der Müllwerker war stets Referenzbeispiel für einen – wegen der Schwere der Arbeit – besonders zulagenintensiven Beruf. Tatsächlich gibt es keine Arbeit, die Frauen nicht machen können – wenn sie es denn wollen.